Dr. Walter Jochim

 

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galerie dr.jochim | Magnusstraße 5

 

 

Rene Havekost

 

Malerei und Zeichnungen

 

 

19. Oktober bis 16. November 2019

 


 

 

 

 

 

René Havekost, 1950 in Hamburg geboren, studierte Malerei an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Er ist ein Kunst-Macher in mehrfacher Hinsicht. Einerseits als Produzent von Bildern, als Maler, und andererseits als Initiator & Mit-Gründer des Harburger Kunstvereins, der in diesem Jahre sein 20jähriges Jubiläum feiert. Der Kunstverein präsentiert zeitgenössische Kunst im ganz wunderbar restaurierten historischen Gemäuer eines ehemaligen Wartessaals des Fernreisebahnhofs Harburg. 

In diesem Gebäude und diesem Projekt kommen mehrere Stränge zusammen, die sich auch im Werk Havekosts widerspiegeln: Aufbruch und Geschichte, Moderne und Vergänglichkeit, Industrie und Technisierung einerseits und der sich stets beschleunigende Lauf der Zeit andererseits, das Unterwegssein des Menschen als Reise, als Flucht, als (Wett-)Lauf oder als „Marsch“ wie im Gemälde „Der lange Marsch“. Ausgestattet mit genau diesen Begriffen als kleine „Sehhilfe“ können Sie mit mir visuell auf Entdeckungsreise durch die beiden Etagen der Galerie gehen.

Großformatig begegnet uns das Werk von René Havekost hier im Erdgeschoss. Öl oder Acryl auf Leinwand in zwar bunten, aber nicht grellen Farben, Häuser sehen wir da und Menschen, Maschinen und Bewegung. Was beim flüchtigen Blick sehr konkret erscheint, entpuppt sich beim genaueren Hinsehen als ebenso flüchtiges Konstrukt. Der laufende Mensch auf der runden Bahn über der Industrielandschaft – sein Gang zerfällt in die Einzelteile der Bewegung, die gehetzt und ungelenk scheint, getrieben vom drohenden Dunkel und den Ausdünstungen der Industrie-Dachlandschaft – die sich als ganze Stadt zeigt, deren Dächer Schornsteine und Schlote der Produktion sind. Der Laufweg wird zum Antriebsrad und es bleibt die Frage, ob es die schematische Menschenfigur ist, die das Rad antreibt, oder ob der Läufer mit dem Schwungrad der gesichtslosen kapitalistischen Betriebsamkeit nur mühsam Schritt halten kann. Hier, wie an etlichen weiteren Stellen der Ausstellung, grüßen als Referenzpunkte Futurismus und Surrealismus aus den Schubladen der Kunstgeschichte.

Maschinenwelten begegnen uns mehrfach – manchmal abstrakt als sirrendes Räderwerk wie im Gemälde „Turbulenz“ oder dem fast schon an eine technische Bewegungsstudie erinnernden Werk daneben. Oder eben surrealistisch-konkret wie bei der Figur, die über ein Rad, das eine Industrielandschaft umfängt, läuft - es vielleicht sogar antreibt. Diese drei Bilder in einen Raum zu hängen zeigt deren inhaltliche Verbindung auf. 

Menschen in Bewegung sehen wir auch im großen Raum hier. Da ist einmal das bereits erwähnte Gemälde „der lange Marsch“. Zwei Menschen, deren Geschlecht nicht auszumachen ist, gehen durch eine wüstenartige Landschaft, dunkle Schatten auf erdigen Gelbtönen. Wir sehen sie in einem Ausschnitt, vorbei an – ja was – geborstener Maschinerie, Teilen von zerstörten Prachthäusern, oder symbolisch maroder, vergänglicher Üppigkeit? Auch hier allerhand symbolische Andeutung, Abstraktion hinter vermeintlich Konkretem

Das Bild hat mich an eine Tarotkarte erinnert, die 5 der Münzen oder Scheiben. Zwei ähnlich gestaltete Figuren gehen hier an dem erleuchteten Fenster eine Kirche oder eines prachtvollen Gebäudes vorbei. Wie kaum eine andere Karte symbolisiert diese 5 der Münzen zwei gegensätzliche Dinge:  Entbehrung, Armut und Einsamkeit - aber auch Liebe, Verbundenheit, Freundschaft, Vermächtnis, Geschenk. Sie fragen sich nun vielleicht, was Tarotkarten mit Kunst zu tun haben könnten. Natürlich nichts mit Wahrsagerei – sondern mit der symbolischen Darstellung archaischer wie archetypischer seelischer / psychologischer Inhalte. Ihr Zeichensystem arbeitet mit alten, überlieferten Zeichen und Symbolen. Unter anderen gestaltete Salvador Dali, der Popstar des Surrealismus, ein Tarot-Kartendeck. Er ist nur eines von vielen Bindegliedern.

Aus den beiden Wandernden sind auf der anderen Seite der Tür Flüchtende geworden, die aus der hier omnipräsente Bauhausästhetik, die Funktionalität und Sachlichkeit des Neuen Bauens, vertrieben werden in abstrakt-organischen Zerfall. Frei assoziierend könnte man hier eine gemalte Geschichte der Zeitläufte von 1920 bis 1950 sehen. Die klare Form und soziale Orientierung der 1920er und 1930er Jahre brachte neben Ordnung ins Ornament auch  - von rechts kommend - autoritär-faschistische Ordnung in die Gesellschaft, und damit Unterdrückung, Krieg und Zerstörung. Die geometrische Form weist dabei den Weg.

Für mich stellen viele Bilder Kritik an Industrialisierung und Entfremdung, an Massenkultur und der hermetischen Vereinzelung im Kollektiv dar (zu sehen in den abstrahierten Häuserzeilen, die Hochhäuser oder Wohnblocks sein könnten, an Silhouetten und Skylines, die im neblichten Blau verschwimmen und „Atlantis“ heißen, die ganz diesseitig und doch ganz untergegangen scheinen. 

Da schwimmen Zimmer voll Bildungsbürgerlichkeit, Piano und Canapé, Kaminofen und Buch, im Mare Crisium (hier das Mond-Meer ebenso meinend, wie den gleichnamigen Roman Arno Schmidts), ein verloren-zielstrebiger Kranich ist im blassen Dreieck gefangen und wird nie die in Vielfalt zerfahrende Häuserzeile erreichen. Ich sehe hier übrigens auch die asiatisch anmutende Samurai-Kämpferin zugehörig erstaunlich konkret – und doch nebulös verloren hinter ihrem Schwert. 

Überhaupt ist das Einerseits-Andererseits in vielen der Bilder und Gemälde zu lesen. Manche Bilder – vor allem in der ersten Etage - gebärden sich fast wie Collagen, nur mit dem Unterschied, dass die vermeintlich collagierten monochromen Flächen, die die abstrakte Linienführung unterbinden oder überdecken, auch gemalt sind, Farbflächen sind. Auch in den abstrakten Bildern ohne figürliche Anker gibt es die Spannung von Getriebensein und Innehalten, von Bruch und Verbindung.

Alle Bilder laden ein, in ihnen auf Spurensuche zu gehen, tiefer zu schauen, den ersten Blick zu hinterfragen und das Gesehene selbst zu dekonstruieren.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen anregendes Augenstöbern und Schauen, gemeinsames Sehen und einen interessanten Austausch miteinander.

 

Dr. Andrea Hoffmann

 

 

 


 


 


 

 

 

 

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 am 5. |  6. | 23. | 30. November 2019

 

 https://schlosstheater-celle.de/programm-18-19/studios.html

 

 

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