Dr. Walter Jochim

 

Telefon    +49 (0) 51 41 900 200
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galerie dr.jochim

im Haesler Haus

Magnusstraße 5

29221 Celle

 

Öffnungszeiten und Führungen

vom 20.12.2019 bis 16.01.2020

auf Anfrage

Anfahrt

 

 

galerie dr.jochim

am Kleinen Plan

Mauernstraße 32

29221 Celle

 
Öffnungszeiten

Fr    14 - 18

Sa   12 - 16

Anfahrt

 

galerie am kleinen plan | Mauernstraße 32

 

 

Die Galerie befindet sich in einem historischen Fachwerkhaus, wie es typisch für die  Altstadt von Celle ist.

 

 

Das Haus, erbaut im Jahr 1625, wurde 1993 komplett saniert, 2002 renoviert und für die Anforderungen einer Galerie umgestaltet. So können die alten noch vorhandenen Strukturen des Fachwerkhauses in die Atmosphäre der Ausstellungen einfließen.

 




 

Knut Steen Wurbs

 

 

Akt · Interieur · Landschaft

 

23. November 2019 - 11. Januar 2020

 

ab 12. Januar 2020 ist die Ausstellung nach telefonischer Absprache zu besichtigen

 

05141 900200

0171 1772504

 

 

 

 

Akt. Interieur. Landschaft – Mit drei thematischen Überschriften und drei Inhalten legt Knut Steen Wurbs auch drei sich verschränkende Sichtachsen in diese Ausstellung. Da sind zunächst die drei Begriffe

Akt – der nackte menschliche Körper (der hier, wie meist in der Kunst, – zunächst – weiblich ist),

Interieur – der Innenraum des Hauses, der umbaute Raum, der vom Menschen behaust wird und der den Menschen beherbergt (ich nenne hier bewusst das Aktive wie das Passive in der Raumaneignung)

und schließlich die Landschaft, die Welt, in der all das steht und das Menschsein geschieht.

Hier im Erdgeschoss stehen sich Körper und Landschaft gegenüber. Im Untergeschoss ist die Verengung des Blickes auf die Landschaft – übrigens dieselbe wie hier in den in farbig ausgeführten Werken – weiter zu verfolgen, die Horizontlinie und die Wolken, der dräuende Himmel; und passend für ein Souterrain in Bleistift und Kohle, mit nur vereinzelten farblichen Akzenten durch Rötel oder ein wenig Pastellstift. Das Sehen wird hier grafischer, an Linie und Form orientiert geführt.

Im ersten Stock geht es dann ausschließlich um Interieurs, um Innenräume – die hier durchaus im doppelten Wortsinn sowohl als Wohnraum als auch als innerer Seelenraum des Menschen gesehen werden dürfen. Die auf den ersten Blick unbelebten Räume, Zimmerfluchten die einen tiefen, sich immer mehr verdunkelnden Blick freigeben, scheinen dynamisch der vergangenen oder zukünftigen Bewegung nachzujagen. Die inneren Vorgänge des Seelenraumes werden feinstrichig hineingesetzt, der Raum selbst wird zum abstrakten Formengefüge und bewegt sich noch viel weiter von einer möglichen Realitätswiedergabe weg, als das der Anstoßgeber (und ich sage hier absichtsvoll NICHT Vorbild) Villem Hammershøi bereits tat. Dessen Bilder oszillieren zwischen fast alptraumartig anmutender Phantasiewelt und real abgebildetem Raum.

Damit bin ich wieder bei einer der Sichtachsen oder, besser gesagt, Sehbewegungen, die der Künstler in diese Ausstellung legt. Es gibt – Vorbilder ist da falsche Wort – konkrete künstlerische Auseinandersetzungsimpulse. Bei den Raumbildern ist das eben Hammershøi, der dänischer Maler (1864–1916), Vertreter des Symbolismus und bekannt für seine melancholischen Interieurs, Porträts, Landschafts– und Architekturdarstellungen.

In der zweiten und letzten Etage kommen dann zu den Interieurs wieder Figuren hinzu, Menschen, Akte vielleicht, fast skulptural – grafisch anmutende Körper, die nicht einem Geschlecht zugeordnet werden können. „Figuren nach Giacometti“ nennt Wurbs diese abstrakte Fortsetzung der eher konkret angelegten Akte hier im Entrée.

Auch die Landschaften hier sind ein interpretatorisches Echo, eine dekonstruktivistische Auseinandersetzung mit einem um 1670 entstanden Gemälde Jacob Isaacksz. von Ruisdaels. „Die Bleichen bei Haarlem“ – so der Titel – zeigen das angesehene Gewerbe des Bleichens von Leinen, das den damaligen Wohlstand der Stadt Haarlem mit begründete, allerdings recht klein im Vordergrund. Die Horizontlinie wird von der Silhouette der Stadt Haarlem bestritten, geprägt von Kirchen und weltlichen Gebäuden, die ob ihrer Größe Wohlstand signalisieren. Den weitaus größten Raum des Gemäldes nehmen die mit großer Sorgfalt dargestellten Kumuluswolken ein. Im goldenen Zeitalter der niederländischen Landschaftsmalerei herrschte in Europa seit Mitte des 16. Jahrhunderts eine Klimaabkühlung, die sogenannte kleine Eiszeit, die für die Niederlande auf Grund der angreifbaren Topografie von großer Bedeutung war. Daher ist die Meteorologie mit ihren Wetterphänomenen ein Leitthema der niederländischen Kultur in jener Zeit. Die Wolkenberge stellen also zugleich eine zeitgenössische Angst und Bedrohungslage dar und greifen auch ins Numinose, Endzeitliche religiöser Vorstellungen aus und bekommen so eine apokalyptische Dimension. So sind es auch gerade die irdische Horizontlinie des Goldenen Zeitalters und die endzeitlichen Wolkengetüme, die in den Wurbs‘ schen Bilder sehr sichtbar erhalten bleiben, vielfältig variiert und tatsächlich dekonstruiert – immer als ihr Ursprung erkennbar und doch in bemerkenswert freiem, spielerisch leichten Umgang mit kompositorischen Bildelementen und Gliederungsstrukturen neu arrangiert. Alles ist in jenem faszinierenden Feinstrich ausgeführt, der für die Handschrift des Künstlers so charakteristisch ist. Tatsächlich trug quasi jedes Gemälde im Goldenen Zeitalter Nicht–Gesagtes als eine – in der Regel religiöse – Botschaft in sich.

Die Aneignung der Bildelemente und Inhalte, ihre Umformung, Neuanordnung und dadurch Interpretation macht ein großes Sehvergnügen in all den hier ausgestellten Bildern aus. Da greift das Endzeitliche der Wolkengetüme weit in die Horizontlinie hinein, erreicht die Landschaft und materialisiert sich quasi in ihr. Da verlassen die Hammershøi–Pinselstriche in den Kohle– und Pastell–Zeichnungen ihre Kanten und Konturen und bilden die phantastische Bewegung im Raum ab, deuten das flirrende Bild im Spiegel an, bringen die Grundformen der architektonischen Komposition neu arrangiert zum Klingen.

Alle Bilder von Knut Steen Wurbs sind immer strikt an der Komposition orientiert und Sie werden in jeder Permutation des jeweiligen Themas immer die Elemente der Ausgangsimpulse finden. Torsi, Landschaft und Interieurs sind alle in mehreren Variationen zu sehen, als Meditationen über eine Grundkonstruktion, die immer wieder aufscheint und sich unter den nächsten Strichen in Klarheit verliert.

 

Dr. Andrea Hoffmann

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